UNTERWEGS MIT DAVID

Veröffentlicht: 11. Februar 2012

Unterirdische Fußgängerschächte sind nun wirklich nicht die Orte, an denen man sich lange aufhalten möchte. Meist recht simpel bis unansehnlich gestaltet, laden sie in der Regel nicht zum Verweilen ein. Es sind Nutz-Raum-Schlangen, die Adern und Aterien unserer Stadt. Tagtäglich sind wir gezwungen, uns mit unzähligen anderen Menschen durch diese Röhren zu schieben, immer in der Hoffnung, nie stehn bleiben zu müssen.

Der wilden Schönheit dieser Unorte nicht gerade zuträglich sind die oft recht expressiv platzierten Werbetafeln, bei denen es trotz aller Anstrengungen kaum möglich ist, sie zu ignorieren. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist das schnelle Vergessen, damit die gesehenen Bilder einem nicht den Blick für die wesentlichen Dinge im Leben überlagern. Und doch: Das ein oder andere Plakat scheint sich trotz aller Anstrengungen heimlich in tiefen Hirnwindungen einzunisten. Ob nun die tägliche Wiederholung oder tatsächlich das Motiv selbst dazu beitragen, ist am Ende auch herzlich egal. Tatsache ist: Sie tun es, ohne unser Zutun!

Da ist zum Beispiel diese Werbung für ein Reiseunternehmen (dessen Name mir gerade nicht einfallen will!). Zu sehen ist dort: er Anfang 30, sie Ende 20, also im besten Zielgruppenalter, beide etwas farblose Typen, keine Model-Typen, dennoch optisch oberer Durchschnitt, er bunte Badehose im Hawaii-Design und sie (aufgepasst) kein knapper Bikini, sondern ein schickliches Bikini-Oberteil und ein Tuch um die Hüfte, ebenfalls Hawaii-bunt, stehen etwas unbeholfen Arm in Arm vor am einem idyllischen, südländisch anmutenden Strand-Paradies, was uns suggerieren will beziehungsweise soll: „Ja, auch Du Otto Normalverbraucher mit Frau (oder noch Freundin) kannst es Dir leisten, einen so tollen Urlaub am schneeweißen Strand zu buchen. Komm einfach zu uns, wir finden etwas für Dich.“ Ein Gedanke, der bei Temperaturen unter -10 Grad und echtem, eiskaltem Schnee durchaus verlockend ist.

Ein paar Tage später hängt an selber Stelle ein Plakat einer bekannten Fluglinie, darauf abgebildet ist eine Stewardess zu sehen, die den Betrachter mit einer dezenten Handbewegung schnurtracks nach rechts oben, gemeint also ins ferne Traumziel schickt. … War da nicht eben noch was mit Otto, der Südsee und schneeweißem Strand? Die Gehirnzellen beginnen Synapsen auszubilden, tiefere Sehnsuchtsaraele werden angesprochen. Wäre das nicht ein guter Zeitpunkt für einen Urlaub zwischendurch, vielleicht eine schnöne Woche Kanaren, oder so?

Wieder ein paar Tage später hängt an selber Stelle: der halbnackte David Beckham. Das kann kein Zufall sein! Ich werde also demnächst einen Kurzurlaub buchen in die schöne Südsee mit meiner Frau zusammen und dort nur auf schöne Menschen in sportlicher Bekleidung treffen – und mit etwas Glück auch auf David Beckham und sein geliebte und geschätze Posh Spice. So könnte der ein oder andere geneigt sein zu denken.

Doch der Traum zerplatzt beim genaueren Hinsehen: David Beckham ist angefressen! Sein Namenszug wird nun von einem kreisrunden Ausschnitt durchbohrt, und schnell wird klar: Hier waren Marketing-Experten am Werk. Als wüsste es nicht schon jedermann, dass Beckham eigentlich ein Fußball-Profi ist, wird hier das Symbol seiner Profession ‒ der kreisrunde Ball ‒ in seinen Namen hineinprojeziert. Chapeau! Unter Architekten sagt man in solchen Fällen: „Wenn der Architekt nix weiß, malt er einen Kreis.“ Ob das den Entwicklern des DB-Namenszugs im Sinn war? Dieser Kreis-Kniff ist vermutlich unter höchster Anstrengung während diverser Kreativ-Sitzungen entstanden, bei denen immer im Blickfeld behalten wurde, dass der gesuchte Eingriff so einach und somit verständlich wie möglich zu halten sei. Doch ist die simple Grafik-Geste nicht am ende doch zu simpel, um wirklich raffiniert zu sein? Wollen wir uns mal nicht mit den teuer bezahlten Agenturen anlegen. Denn einges muss man dann doch zugeben: David Beckham ist neben Franz Beckenbauer und Pelé wahrscheinlich der einzige noch Lebende auf der ganzen Welt, bei dem der Kreis im Logo eine gewisse Berechtigung hat. Nicht weniger – aber auch nicht mehr.

Zum Thema Beckham-Unterhose empfehle ich übrigens als kleinen Exkurs die Stilkritik von Lena Jakat auf Süddeutsche.de sowie die Artikel von Juliane Frisse zum „Jungs, warum schämt ihr euch in langen Unterhosen?“ und (als Ausgleich) von Christian Helten „Mädchen, was sollen die Socken im Bett?“, beide auf jetzt.de. In der Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung war übrigens am Freitag, den 10. Februar zu lesen, dass David es in Kauf nimmt, für seine Kinder wegen der neuen Unterwäsche-Kampagne peinlich zu sein. Schließlich sähe ihn ja jetzt die ganze Welt nackt, bedenken die Sprösslinge! Aber ist es nicht das, was zumindest ein Teil der Welt auch sehen will?

Apropos Kreise drehen: Architeken drehen seit Neustem nicht nur auf dem Papier ihre Kreise. Auch real physisch erlebbar können Architekten einen Schritt tun und an Salsa-Kursen für Architekten in den Architektur-Salons des Architektur-Fachmagazins AIT teilnehmen. Die Tanzkurse finden in unregelmäßigen Abständen in allen drei Salons in Hamburg, München und Köln statt. Lassen Sie sich als Architekt also nicht entmutigen: Nach der vielen Kreisedreherei im Architektursalon fällt es sicherlich wieder leicht, ein paar Ecken in die Entwürfe zu hineinzuplanen.

Salsa-Tanzkurse sind natürlich auch das ideale Schmankerl für den Urlaub, dort vielleicht sogar mit Tanzlehrern, die mit dem charakteristischen Tanz aufgewachsen sind. Ob solche Tanzkurse auch im Schweizer Graubünden angeboten werden, ist nicht belegt. Auch die Südseesonne und den schneeweißen Sandstrand wird man in dem Schweizer Kanton eher weniger antreffen. Ein bestimmter Ort jedoch lässt auch hier die Architektenherzen höher schlagen: Das wunderschön gelegene Vals, in dem sich die von Peter Zumthor erbauten Felsenthermen befinden. Deren dazugehöriges Thermenhotel ist – wie DBZ online berichtet – sanierungsbedürftig, und so stehen mittlerweile mehrere Szenarien zur Wahl, die vom Verkauf der gesamten Hotelanlage bis zu deren Abriss reichen. Am 17. Februar soll im Dorf entschieden werden – eine Entscheidung, die Folgen nicht nur für das beschauliche Tal und deren Bewohner haben, sondern sicherlich in der gesamten Architekturszene seinen Widerhall finden wird. Die Stimmung einer gesamten Szene liegt in der Händen der gut 1000 Valser Einwohner! Der ein oder andere wird da froh sein, dass er diese Abstimmung nicht unbedingt live verfolgen muss, sondern bei einem guten Mojito am schneeweißen Sandstrand auf einer kanarischen Insel liegen wird. Es sei jedem gegönnt, der der kalten Jahreszeit auf diese Weise entflieht – natürlich auch DB und Posh, falls nötig!

2 Kommentare zu “UNTERWEGS MIT DAVID”

  1. Amazing!

  2. very good website

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