ARCHITECTURAL AND PROGRAM DIAGRAMS 1

Veröffentlicht: 15. Oktober 2012

Nicht immer erklärt sich Gebautes von selbst. Architektur und Raumtopologie geschehen meist auf mehreren Ebenen gleichzeitig und können deswegen nicht aus einem Blickwinkel allein betrachtet werden. Gut, dass es die Möglichkeit der Arbeit mit Diagrammen gibt. Sie sind ein visuelles Kommunikationsmittel, mit dem sich komplexe Systeme vereinfacht darstellen lassen. Eine Buchvorstellung.


„Don‘t judge a book by its cover!“ Ein Buch sollte man erst beurteilen, wenn man es gelesen hat; denn auf seinen Seiten könnte sich Überraschendes verbergen. Dies gilt umso mehr in den digitalen Medien, wo der Leser für Medien nur wenig Zeit aufbringen will oder – der Informationsüberflut geschuldet – kann. Der schnelle Blick, der kurze Klick: Der Leser erwartet, zügig mit den gefragten Informationen versorgt zu werden und sich nicht mit Details aufhalten zu müssen.

Auch Architekten bekommen diese Rastlosigkeit zu spüren. In der Planungsphase beispielsweise kann es Bauherren oft nicht schnell genug gehen, ihre Investition in gebauter Wirklichkeit zu sehen. Später dann bringen Nutzer von Gebäuden nur noch selten die nötige Ruhe und Distanz auf, ein Gebäude in all seinen Facetten wahrzunehmen. Wen wundert es da, dass seit beinahe einer Architektengeneration ein Kult um die sogenannten „Stararchitekten“ möglich ist, die mit der immer selben Idee Städte auf der ganzen Welt kasteien. Was für den Fachmann ein Dorn im Auge ist, vereinfacht (oberflächlich betrachtet) für Bauherr wie für Nutzer und Betrachter die Sicht auf eine Architektur: Man muss sich nur ein Mal mit einer Idee auseinander setzen und versteht sogleich sämtliche Entwurfsideen dieses einen Architekten. „Ein Gehry, ein Hadid – ja, dazu kann ich Ihnen etwas sagen!“ Prima.

Doch diese architektonische Sicht- und Herangehensweise hat ihr natürliches Ende. Irgendwann sind in allen Städten die Einheitsentwürfe gebaut. Dann kann und will man sie nicht mehr haben. Dann sind Individualisten gefragt, die sich tiefgreifende Gedanken über Form und Raum machen, über Gesellschaft, Individuum, Stadt und Kultur. Dann wird es um Entwürfe gehen, die neu er- und gedacht werden müssen. Sie müssen und sollen erklärt und verstanden werden, weil sie keinem vorher bereits gedachten und gebauten Gedanken entsprechen.

In ihrem Buch „Architectural and Program Diagrams“ stellen die koreanischen Herausgeber Kiyoung Pyo und Seonwook Kim auf über 400 Seiten 48 höchst individuelle Projekte von 10 Architekturbüros vor. Gewöhnliche Planzeichnungen oder gar professionelle Architekturfotos findet man dabei allerdings nur selten vor. Vielmehr geht es des Herausgebern darum, Architektur als vielschichtige Disziplin wieder einzuführen und zu erklären. Die eigentliche Entwurfsidee und die räumliche Kontinuität, die sonst umständlich beschrieben werden müsste, wird hier per simplem Diagramm erläutert – und erscheint deswegen oft umso sinnfälliger und augenscheinlicher. Dabei wird klar: Diagramme sind auch über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg leicht verständlich. Für den Betrachter von Architektur bedeuten Diagramme ein völlig neuen Zugang zu einer Entwurfsidee.

Jedes der 10 Büros stellt sich selbst vor und beschreibt, wie mithilfe von Diagrammen die Lösung der jeweiligen Bauaufgabe erschlossen wurde. Interviews am Ende jedes Kapitels geben Aufschluss über die Arbeitsweise. Einleitend referieren Manuel Gausa sowie Ben van Berkel / Caroline Bos über das Themenfeld der Ideenfindung per Diagramm. Übersichtlich geordnet ist auch das Buch: Für jedes Kapitel wurde eine andere Papierfarbe gewählt. Das Hardcover mit Gummiband im Noitzbuchstil (jedoch nicht in Notizbuchgröße) verleiht dem Buch eine Hochwertigkeit. So wird das Buch zu einem haptischen wie optischen und inhaltlichen Genuss, von dem man sich gerne für die eigene Arbeit inspirieren lässt.

 

Miyoung Pyo / Seonwook Kim
Architectural and Program Diagrams 1
(Aus der Reihe: Construction and Design Manual)
Herausgegeben Juni 2012 von DOM publishers
22,5 x 28 cm, 416 Seiten, mehr als 1000 Abbildungen, Hardcover mit Gummiband
78,00 €
ISBN 978-3-86922-222-6

 

 

 


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