ALLENFALLS ALS AKZENT, BITTESCHÖN!

Veröffentlicht: 02. April 2012

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Blau, blau, blau blüht der Enzian. Blau ist der Himmel. Mancher fährt ein blaues Auto. Verkehrsschilder sind ab und an blau. Auch Straßennamenschilder. Es gibt blaue Flora wie den Blauregen, und eine Meise, die blau ist und Blaumeise heißt. Wasser scheint blau zu sein. Blau sind alle meine Kleider („weil mein Schatz ein Seemann ist“). Die immer modische Jeans besteht aus blau gefärbter Baumwolle. Ein Wunder kann blau sein, ebenso ein Auge, ein Brief oder eine Stunde. Blau sind ebenfalls: mein Haus, meine Jacht, meine Frau jedoch nicht. Sogar eine Küche ist manchmal blau oder das Kinderzimmer vom Jüngsten – aber beim Wohnzimmer hört’s dann doch auf, nicht wahr?

Laut einer Befragung der Burda Medienforschung ist die Lieblingsfarbe der Deutschen (Sie haben es sicherlich schon erfasst): Blau. Nun ließe sich dem entgegen halten, dass diese Umfage bereits knapp 15 Jahre alt ist und sich Geschmäcker und Trends mit den Jahren ändern. Ja, ganz bestimmt sogar! Aber die Tendenz bleibt sicherlich: Blau ist für uns Menschen eine besondere, eine schöne Farbe. Das ist sie wahrscheinlich, weil sie in so vielen Nuancen vorkommen kann, die gegensätzlicher fast nicht sein könnten. Wirkt Blau auf der einen Seite still und enspannend, kann uns Blau auch das Frösteln lehren. Und: Blau ist eine kostbare Farbe, die früher nur aus seltenen Pflanzen gewonnen werden konnte. Blau ist royal!

Dennoch frage ich mich: Warum finden wir Blau in Räumen nur so selten? Turnhallenböden sind oftmals blau, oder Einbauschränke – schrecklich, ja! In Bürogebäuden sind Türrahmen manchmal blau, oder die Teeküche. Das soll animieren, denn Blau steht auch für Klugheit, Sanftheit, Tiefe, Leistung, Mut, Wahrheit und Treue. So stellen es sich die Innenarchitekten und die Marketing-Menschen vor. Aber stellen Sie sich Ihr Wohnzimmer jetzt einmal komplett in Blau gestrichen vor! Oder Ihr Auto – von innen! Oder die Stammkneipe um die Ecke!

Gemütlichkeit geht anders. Gemütlichkeit hat etwas mit Braun- und warmen Rot-Tönen zu tun, mit Holz und Kaminfeuer. Und mit dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee oder einem vollmundigen Wein, und mit einer guten Lektüre. Da ist für Blau allenfalls nur als Akzent Platz! Ich bitte doch!

James Turrell (das ist der mit unglaublich schönen Licht-Kunstwerken) hat vor vielen Jahren einmal im Karlsruher ZKM ein Werk gezeigt, das mich nachhaltig beeinflusst hat: Der Aufbau bestand aus einem Raum, der komplett abgedunkelt war. Ein dunkler Kasten, in den man sich da hinein begeben musste, ohne zu wissen, was sich darin verbirgt. Noch geblendet vom Tag war drinnen nichts und noch mal nichts zu sehen, allerhöchstens der Schimmer einer Lichtfläche auf der gegenüberliegenden Raumseite. Diese völlige Dunkelheit war wie eine Wand. Sie stellte für die Augen und für die Psyche eine harte Probe dar, denn Dunkelheit bedeutet für uns Menschen auch immer: Ungewissheit, Angst und Beklemmung. Doch nach einer Weile passierte etwas Unerwartetes: Die Augen stellten sich auf die Dunkelheit ein, und im zuvor noch völlig dunklen Raum war plötzlich alles zu sehen, was vorher nur zu vermuten war: Die anderen Menschen, die schon drin waren, neue Besucher, die suchend herein kamen und die Raumkanten – wirklich alles. Der Lichtschimmer an der zum Eingang gegenüberliegenden Wand wurde zu einem in einem tiefen, wunderschönen und magischen Blau getränkten großen Loch in der Wand, dessen Ende dahinter nicht zu erahnen war. Als Betrachter und Ingenieur wusste ich zwar: Da muss es eine Rückwand geben! Aber man hat sie nicht gesehen. Die Tiefenwirkung der Farbe Blau hat es nicht erlaubt, sie zu sehen. Das Loch endete im Unendlichen – und hat der eigenen Existenz so eine Endlichkeit verliehen, die erdrückend war und gleichzeitig unglaublich frei machte.

Das ist vielleicht der springende Punkt: Im gemütlichen Raum will man als Mensch nicht ständig auf seine eigene Existenz herunter geholt werden. Das führen uns der Himmel und das Universum schon tagtäglich vor Augen.

     

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