WABI-SABI – EINE CHANCE FÜR DIE MODERNE ÄSTHETIK

Veröffentlicht: 29. Februar 2012

Ab und an greife ich in mein Bücherregal und ziehe ein Buch heraus, das schon länger nicht mehr gelesen wurde und folglich schon einige Jahre auf dem Buckel hat – was in vielen Fällen nicht zwangsweise bedeutet, dass es weniger aktuell ist! Denn gerade Bücher, die ein gewisses Alter haben, skizzieren manchmal Entwicklungen, über die heute noch geredet wird. Solche Bücher können aktuelle Diskussionen bereichern, da sie zu einem Zeitpunkt entstanden sind, an dem manche Probleme noch grundsätzlicherer Art waren. Sie sind eine Zeitreise in eine Vergangenheit, als man eine Zukunftsprognose wagte – also ein Blick auf heute.

So geschehen vor ein paar Tagen: Als ich vor meinen Regal stand weckte ein kleines Büchlein mit grauem Einband und rotem Schriftzug meine Aufmerksamkeit. Auf dem Cover sieht man ein (ebenfalls graues) Bild eines … ja, man sieht eine Art Spalt, wahrscheinlich in einem Stück Holz, das gleichzeitig jedoch an die vielschichtigen Muster vertrockneter Erde erinnert. Ohne Zweifel also ein Buch, das durch seine Schlichtheit zwischen vielen anderen, pompöseren Büchern schon wieder auffällt. Sein Titel: „Wabi-sabi – für Künstler, Architekten und Designer“.

Wabi-sabi sei – so verrät der erste Satz auf dem Klappentext – eine Komponente der japanischen Ästhetik. Man verwende diese Wortschöpfung in Japan, um eine ganz spezifische Art von Schönheit zu beschreiben, die sich durch Schlichtheit, Einfachheit und Selbstgenügsamkeit auszeichnet und zu Gunsten innerer Werte auf Prunk verzichtet. So ist Wabi-sabi das, was bei uns im Allgemeinen unter der japanischen Ästhetik verstanden wird – zumindest, was die alte Kultur und Tradition dort angeht: die Kultur der Reduktion auf das Wesentliche (wie in der Architektur), die Kultur der Langsamkeit und Behutsamkeit (wie in japanischen Gärten) oder die Kultur des tieferen Sinns und Empfindens (in der Kombination aller Elemente des Lebens).

Doch die Fokussierung allein auf die Ästhetik wäre zwar richtig, aber auch nur ein Teil der Wahrheit. Wabi-sabi – so beschreibt der Autor des Buchs Leonard Koren – kann als ein umfassendes ästhetisches System bezeichnet werden. Es bietet eine vollständige Annäherung an das elementare Wesen des Daseins (Metaphysik), geheiligtes Wissen (Spritualität), emotionales Wohlbefinden (Geisteshaltung), richtiges Benehmen (Moral) und einen Blick und Gefühl für Dinge (Körperlichkeit). Leonard Koren begibt sich mit dieser Beschreibung zwar auf den unsicheren weil eingeschränkten Pfad, Wabi-sabi in eine Worthülle zu pressen – mit seinem Buch gelingt ihm dies jedoch auf logische und vor allem verständliche Art und Weise. Denn Wabi-sabi ist mehr als ein ästhetischer Anspruch: Wabi-sabi ist eine Lehre, die sich auf alle Bereiche des Lebens auswirkt und genau deswegen die eigene Existenz an ihren Wurzeln packt. So verwundert es nicht, dass das Prinzip Wabi-sabi dem Buddhismus entspringt, der seinen Ursprung in Indien hat, etwa im 6. Jahrhundert n. Chr. nach China kam und als eigenständige Schule erstmals im 12. Jahrhundert in Japan auftauchte. Wabi-sabi ist keine Religion, aber eine Einstellung des Lebens auf Reduktion und eine Konzentration des Lebens auf das Wesentliche und Natürliche.

Ihnen, werte Leser, möchte ich an diesem Punkt zwei Beispiele für diese japanische Anschauungsweise geben. Das erste habe ich auf der lesenswerten Plattform Dialogus aufgestöbert:

»Der Zen-Mönch SEN no Rikyû wollte den Weg des Tees lernen und suchte daher den Teemeister TAKENO Jôô auf. Der Meister befahl Rikyû, den Garten zu säubern. Rikyû machte sich sofort eifrig an die Arbeit. Er rechte den Garten, bis der Boden in perfekter Ordnung war. Als er fertig war, betrachtete er seine Arbeit. Dann schüttelte er den Kirschbaum, so dass ein paar Blüten wie zufällig zu Boden fielen. Der Teemeister Jôô nahm Rikyû daraufhin in seine Schule auf.«

Das zweite, überaus schöne Beispiel stammt von Wikipedia:

In den Wäldern drüben,
tief unter der Last des Schnees,
ist letzte Nacht
ein Pflaumenzweig erblüht.

Das Buch „Wabi-sabi“ bietet für Künstler, Architekten und Designer einige wichtige und inspirierende Punkte für ihren Arbeitsalltag. Leonard Koren, selbst Architekt und Künstler, weiß um die tiefgreifende Verwandtschaft zwischen der klassischen Moderne und der klassichen Ästhetik Japans, wie sie bereits von dem Architekten Bruno Taut im Jahre 1933 beschrieben wurde (vergleiche sein Buch: Nippon mit europäischen Augen gesehen). Er jedoch spricht nicht über die Gemeinsamkeiten, sondern unternimmt den Anlauf, beim Vergleich der beiden Systeme die ästhetischen, metaphysischen, emotionalen, philosophischen und sozilogischen Unterschiede herauszuarbeiten. Dadurch gelingt es ihm aufzuzeigen, dass beide Ästhetiken letztendlich zwar in ihrer Ausprägung stark verwandt sind, vom Ansatz her jedoch sehr verschieden sind. Leonard Koren erweitert dadurch den Blick auf die klassische Moderne um einen wesentlichen Faktor.

Das Buch wurde in der Originalfassung im Jahr 1994 veröffentlicht – eine Zeit also, in der die Postmoderne zwar noch spürbar, jedoch nur noch in wenigen Köpfen vorherrschend war. Umso aktueller ist die Botschaft des Buchs: Wurde die klassische Moderne in der Nachkriegszeit oftmals nicht richtig oder gar falsch gedeutet und weiterverarbeitet, könnte sie durch die Werte von Wabi-sabi eine neue Form und vor allen Dingen eine neue Daseinsberechtigung erhalten. Das ziellose Umherirren mancher Kreativer, die sich in den letzten 15 Jahren oftmals zu sehr von den technischen Machbarkeiten durch computerbasierte Prozesse haben verleiten lassen, könnte damit relatviert werden und zu einem neuen, für jedermann begreifbaren und vor allem spürbaren Stil führen. Die momentanen gesellschaftlichen Tendenzen hin zu einer der Betonung des Menschlichen gäben einer solchen Entwicklung nur allzu Recht.

Übrigens: Gleich zu Beginn seines Buchs erzählt Leonard Koren von der „großen Numazu-Tee-Zeremonie“, die im Jahr 1992 von Hiroshi TESHIGAHARA, dem erblichen iemoto (Großmeister) der Sôgetsu-ryû, einer der bekanntesten Ikebana-Schulen Japans, veranstaltet wurde. Zu dieser Tee-Zeremonie wurden drei der damals berühmtesten japanischen Architekten beauftragt, jeweils einen Pavillon zu entwerfen: Tadao ANDÔ, Arata ISOZAKI und Kiyonori KIKUTAKE. Auch TESHIGAHARA selbst entwarf einen Pavillon. Bilder des Pavillons von Tadao ANDÔ persönlich konnte ich im Zuge meiner Recherche ergattern:

     

     

 

Weiterführende Empfehlungen:

Einen sehr schönen Artikel über Wabi-sabi in der Fotografie findet sich auf der Website „Schöner Fotografieren“ des Schweizer Fotografen Andreas Hurni, auf der er nicht nur erklärt, was Wabi-sabi ist, sondern ebenfalls einen Vergleich zwischen Wabi-sabi und der westlichen Ästhetik formuliert. Seine Buchempfehlungen „Lob des Schattens“ von Tanizaki Jun’ichiro, „Ostasiatische Kunst“ von Gabriele Fahr-Becker und „Philosophie des Zen-Buddhismus“ von Byung-Chul Han möchte ich gerne noch erweitern um: „Das Buch vom Tee“ von Kakuzo Okakura und „Das japanische Teehaus: Architektur und Zeremonie“ von Wolfgang Fehrer, die auf die traditionelle Zeremonie der Tee-Zubereitung als tief verwurzelter Teil der japanischen Seele in Verbindung mit der Architektur eingehen.

Wabi-sabi
für Künstler, Architekten und Designer
englischsprachige Originalausgabe von Leonard Koren, 1994
deutschsprachige Übersetzung herausgegeben von Mattias Diez und übersetzt von Ruth Jäschke
erschienen im Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 1995
14 x 21 cm, 91 Seiten mit 24 s/w Bildern, Softcover
15,- € (D)
ISBN 3 8930 3064 1

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